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Kunstwerk:
Namengebung und Beschneidung Johannes des Täufers
         
       Namengebung und Beschneidung des Täufers      
Im Lukasevangelium (Luk. 1, 57-66)  heißt es:

Und für Elisabeth kam die Zeit, dass sie gebären sollte; und sie gebar einen Sohn. Und ihre Nachbarn und Verwandten hörten, dass der Herr große Barmherzigkeit an ihr getan hatte, und freuten sich mit ihr.
 
Und es begab sich a am achten Tag, da kamen sie, das Kindlein zu beschneiden, und wollten es nach seinem Vater Zacharias nennen. Aber seine Mutter antwortete und sprach: Nein, sondern er soll Johannes heißen. Und sie sprachen zu ihr: Ist doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt. Und sie winkten seinem Vater, wie er ihn nennen lassen wollte. Und er forderte eine kleine Tafel und schrieb: Er heißt Johannes. Und sie wunderten sich alle. Und sogleich wurde sein Mund aufgetan und seine Zunge gelöst, und er redete und lobte Gott.

Und es kam Furcht über alle Nachbarn; und diese ganze Geschichte wurde bekannt auf dem ganzen Gebirge Judäas. Und alle, die es hörten, nahmen's zu Herzen und sprachen: Was meinst du, will aus diesem Kindlein werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.

*

Diese Textstelle hat der Künstler des Altars der Stiftskirche seiner Darstellung zugrunde gelegt. In der biblischen Vorlage wird die Beschneidung nach dem jüdischen Gesetz nur am Rande erwähnt. Es handelt sich schließlich um einen Ritus, der an jedem männlichen Kind vollzogen wird. Das ist allgemein bekannt und braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden.

Ganz anders verfährt der Künstler: Er widmet diesem Thema mehr als die linke Hälfte seines Bildwerks. Das Kind sitzt nackt auf einem Altar. Hinter dem Altar befindet sich eine Schrifttafel, auf der hebräische Buchstaben angedeutet sind. Sehr wahrscheinlich waren die Schöpfer des Altars dieser Sprache nicht mächtig; denn die Buchstaben ergeben keinen zusammenhängenden hebräischen Text. Es geht in dieser Andeutung darum, auf die alttestamentliche Tradition mit ihrem Gesetz der Beschneidung symbolisch hinzuweisen. Vermutlich geht geht es aber noch um mehr, nämlich zum Ausdruck zu bringen, dass auf Johannes dem Täufer eine besondere Verheißung Gottes liegt: Johannes gilt als der letzte Prophet.

Merkwürdig ist, daß zwei völlig verschieden gekleidete Männer die Beschneidung vornehmen. Links von dem Kind steht ein jüdischer Priester, der eine spitze Haube trägt. Er hält den kleinen Johannes an seinem linken Arm und Bein fest, während der andere die Beschneidung vornimmt. Dieser ist nun - an seiner Mitra erkennbar - als Bischof dargestellt. Das ist völlig unhistorisch; denn zur Zeit Johannes des Täufers gab es noch keine Bischöfe.

Es war aber auch nicht die Absicht, historisch genau zu sein. Vielmehr soll diese Zusammenstellung deutlich machen, dass Johannes an der Schwelle vom alten zum neuen Gottesvolk steht, von der jüdischen Gemeinde zur christlichen Kirche. Denn sein Auftrag bestand einerseits darin, nach den Geboten Gottes zur Buße zu rufen. Andererseits aber ist er der Vorläufer und Vorankündiger Jesu Christi. Er weist also auf den Erlöser hin, der er selbst nicht ist.

Auf der - verkleinerten - rechten Bildhälfte finden sich drei Personen: Elisabeth, die Mutter des Johannes, zu erkennen an der blau-weißen Haube. Neben ihr ist eine andere Frau in Gebetshaltung zu sehen, deren Blick auf das Kind gerichtet ist. Auf einem Schemel schließlich sitzt der Vater Zacharias. Die "Nachbarn und Verwandten", von denen der Evangelist Lukas berichtet, sind also auf eine Dreiergruppe reduziert.

Das Augenmerk fällt auf das Spruchband, welchen über den Knien des Zacharias verläuft. Darauf ist zu lesen: "Johannes est nomen eius" - "Sein Name ist Johannes." Damit ist die Familiendiskussion darüber, wie das Kindlein heißen soll, beendet.

Warum heißt der Knabe Johannes? Weil der Engel Gabriel, der dessen Geburt ankündigte, es so bestimmt hat. Zacharias aber war bis zu dieser Stunde mit Stummheit geschlagen, weil er dem Engel seine Botschaft einem eigentlich schon zu alten Elternpaar, werde noch ein Sohn geschenkt, nicht geglaubt hat.

Johannes heißt: "Gott ist gnädig."


 
         
          
               
Hans-Jürgen  Feldmann